english version is coming soon

Interview "7 Fragen an...Raksan"
OrientMagazin Herbst 2008

1. Du stehst als eine der charismatischsten Tänzerinnen und Dozentinnen für eine besondere Ausprägung in der Orientalszene - für den Zeitgenössischen Orientalischen Tanz. Wie würdest Du diesen charakterisieren?

Es gibt ein Zitat von Martha Graham von 1930, das als Notiz an meinem PC klebt: „Wie die modernen Maler und Architekten haben wir unser Medium der dekorativen Nebensächlichkeiten entkleidet. So wie man keine ausgefallenen Verzierungen mehr sieht, so ist auch das Tanzen nicht mehr wattiert. Es ist nicht hübsch, aber sehr viel realer!“

Der Orientalische Tanz ist für mich eine Hommage an den weiblichen Körper und durch seinen ursprünglichen Bezug zu Ritual und Spiritualität von großer Aussagekraft und Wirkung. Seine archaischen, tief aus den Körperzentren entspringenden Bewegungsmuster verknüpfen subtil Körper und Emotion und schaffen so ein Kraftfeld zwischen Tänzerin, Musik, Raum und Zuschauenden. Um dieser Kernaussage und gleichzeitig meinem eigenen kulturellem Hintergrund gerecht zu werden, verbinde ich die Orient. Tanztradition inzwischen konsequent mit der Basis westlicher Bühnentanzformen, reflektiere meinen Ausdruck und meine äußere Präsentation im Hinblick auf eine stereotype Übernahme der den Orient. Tanz dominierenden Revue – Ästhetik. Weniger aufgesetzter Glamour, Konsequenz und Klarheit statt Kitsch und Klischee, Kunst statt Künstlichkeit und kommerziellem Showbusiness: das ist (m)eine, mir und der Zeit, in der ich lebe, gemäße Interpretation des OrientalischenTanzes und zugleich eine Rückbesinnung auf seine Wurzeln.

2. Wie kam der Orientalische Tanz in Dein Leben? Wer hat Dich auf Deinem Weg beeinflusst?

Der Orientalische Tanz hatte in meinem Leben schon mehrfach „angeklopft“, bevor ich ihm 1985 in Gestalt meiner Lehrerin und späteren Mentorin, der amerik. Tanzlegende Feyrouz! endgültig die Tür geöffnet habe. 1977 wurde ich wegen meinen dunklen Haaren und meinen bunten Hippie-Klamotten von einem Reporter der „BILD“ – Zeitung angesprochen: er suche exotisch und „sexy“ aussehende junge Frauen, die für eine Reportage „nur so tun“ würden, als ob sie an einem „Bellydance - Kurs“ teilnähmen. Was auch immer „Bauchtanz“ sein sollte, es klang nach Striptease…und ich war ziemlich beleidigt über das Angebot.
Nach dem Abitur habe ich als Einstieg in ein Studium der Sozialpädagogik ein freiwilliges Praktikum in einem Hamburger „Problembezirk“ absolviert: als (etwas überforderte) Leiterin eines Projektes mit aus der Türkei stammenden jungen Frauen. Ich hatte zwar keine Idee, aber den Schlüssel zu einem Klassenraum der Gesamtschule und die Frauen wollten – tanzen. Es ging hoch her in dem nüchtern eingerichtetem Raum und ich fühlte mich von dem natürlichem Umgang der jungen Orientalinnen mit ihrem Körper und der unbändigen Freude, mit der sie im Kreis ihrer Freundinnen die Hüften schüttelten und kreisten, fasziniert und angezogen – es ging eine Form der „Frauen-Power“ von ihnen aus, die mir vorher noch nie begegnet war. Allerdings musste ich den Mädchen versprechen, unsere Treffen vor ihren männlichen Verwandten geheim zu halten. Fast ein Jahr waren wir eine verschworene Gemeinschaft.
Kurz danach habe ich das Studium spontan beendet und bin in einen ausgebauten LKW gezogen. Erst ging die Reise nach Berlin und dann über Osteuropa nach Griechenland und Zypern. Immer wieder begegnete mir Tanz auf Hochzeiten und anderen Familienfesten, auf spontanen gemeinsamen Feiern mit Roma – Leuten auf irgendeinem Parkplatz, in griechischen Tavernen und Musikklubs am Meer…immer wieder ein fröhlicher und doch tief anrührender Ausdruck Verbundenheit. Auf Zypern hörte ich das erste Mal arabische Musik und 1983 fand ich mich als Gast in einem damals angesagten Nachtclub in Thessaloniki wieder, konfrontiert mit dem Anblick einer enttäuschend halbseiden anmutenden „Bauchtanz“ - Darbietung – und dem als Kompliment gedachten Angebot eines Griechen, mir Unterricht bei der Tänzerin zu ermöglichen und sich mir später als „Manager“ anzunehmen. Reaktion: Siehe 1977…
Es war im Juli 1985, als Feyrouz! auf einem „Gauklerfest“ in Berlin auftrat. In ihrem Tanz und in ihrer Person fügten sich frauliches Selbstbewusstsein, gekonnt ausgeführte Bewegungen, erotische Attraktivität und ein charmanter Flirt mit dem Publikum zu einem Kunstwerk zusammen. Ganz offensichtlich ihr Beruf! Ich war hingerissen und wurde einen Monat später eine der ersten Schülerinnen ihres frisch eröffneten „Studio OASIS“.
Ganz sicher hat mich Feyrouz! stark beeinflusst. Sie unterrichtete für die damalige Zeit sehr strukturiert, konnte differenziert erklären, legte Wert auf ein Warm – Up, zeigte uns verschiedene Stilrichtungen, Rhythmen und war trotz einer klaren Ausrichtung auf den Amerikanischen Cabaret/ Show „Belly“ Dance spirituell und nicht nur an Oberflächlichkeiten orientiert. Sie förderte talentierte Schülerinnen – und hier besonders diejenigen, die neben dem Erlernen des traditionell überlieferten technischen Fundaments des Orient. Tanzes auch eigene Ideen entwickelten, denn in der Individualität, in der Variation zeigte sich für sie die Kunstfertigkeit. Dafür, und dass sie mir für den Winter 1986 ein mehrwöchiges Engagement in einem Schweizer Circus vermittelte, bin ich noch heute dankbar. Dieses erste Gastspiel war meine „Feuertaufe“ als Orientalische Berufstänzerin und mein Einstieg in die Welt der Manege und des Variete, in der ich durch die enge Zusammenarbeit mit Artisten, Schauspielern und Regisseuren viel Lernen und Erfahren durfte.

3. Du warst viele Jahre auf Varietebühnen und in Circuszelten zu hause, eine ungewöhnliche Karriere. Erzähle uns doch etwas aus dieser Zeit.

Das Feyrouz! mich für nach knapp einem Jahr Unterricht für fähig genug hielt, die zwei Auftritte am Tag des fast zwei Monate dauernden ersten Circus-Engagements in Luzern durchzustehen, lag sicherlich an meinem Berufswunsch, meiner großen Begeisterung plus Bewegungstalent…aber auch an der Tatsache, dass ich bereits das Leben auf Rädern kannte. Ich wusste bereits, das „Circus“ nur für das Publikum mit „Romantik“ gleich zusetzen ist. Der sprichwörtliche „Zauber der Manege“ ist genauso wundervoll wie harte Arbeit, verlangt von den Darstellern geradezu eiserne Disziplin in der Übernahme von Verantwortung. Kein Ort für halbe Sachen! In diesem Winter lernte ich nicht nur einiges über Konsequenz und die überlieferten Regeln und Traditionen der „Fahrenden“, sondern traf auch auf einen Pantomimen und Schauspieler, der mit mir morgens im Zelt an meinem Ausdruck zu arbeiten begann. Das Bündeln von Energien, die Umwandlung meiner Gefühle in eine sie nach außen tragende Bewegung waren die an mich gestellten Aufgaben; abends wurde ich durch das Publikum während meinem Auftritt in der abendlichen Show sozusagen sofort geprüft: eine unbezahlbare Erfahrung. Ich verstand, dass ich am richtigen Platz war, aber noch viel dafür tun musste, um nicht nur hübsch, schwarzhaarig und langbeinig einem Fakir die Fackeln zuzuschmeißen oder im Nacken eines Elefanten zu sitzen. Ich wollte in Zukunft zu den Hauptakteuren zählen und nicht als lebendige Dekoration in der Kulisse stehen, so definierte sich meine damalige Vision. Ich habe immer weiter an meiner Bühnenpräsenz, an meiner Technik gefeilt, mir dafür weiterhin bei Feyrouz! sowie von Momo Kadous, von Amaya, von Mahmoud Reda Anregungen geholt, sah den Artisten auf die Finger, bestickte immer professionellere Kostüme mit Unmengen von Strass, wurde zum RONCALLI und zum „MANEGENTHEATER SALTI NÖGGE“ weitergereicht, erkämpfte mir innerhalb der Engagements immer längere Zeiträume für meine Tänze. Ich war sehr stolz, wenn ich in den Programmheften und in der Presse nicht mehr nur als namenlose „ Bauchtänzerin“, sondern als „Raksan“ auftauchte. Diese Anerkennung der strengen Circuswelt zählte mehr als der Applaus des Publikums.

1991 war mit der Entscheidung für eine normale Schulbildung meines Sohnes die Zeit unter dem „Grand Chapiteau“, dem großen Zelt, zu Ende. Es folgten viele Auftritte in der Berliner Kleinkunstszene und ein „Dauerjob“ als Tänzerin in einem türkischen Edel – Restaurant, der mich einerseits wieder zu den traditionellen Wurzeln meines Berufes zurückführte und ernährte, mir andererseits aber auch wieder vor Augen führte, wie zwiegespalten die Haltung der Orientalischen Gesellschaft zu mir als öffentlich tanzende Frau war. Da konnte die Bewunderung für meine tänzerischen und unterhaltenden Qualitäten noch so groß, die Reaktion der deutschen wie türkischen Gäste noch so positiv sein: kam die Ehefrau zu Besuch, wurde ich von meinem Chef, von den Musikern, von den Kellnern nicht mehr gegrüßt. Die bereits während meiner Ägyptenreise 1988 und während den ersten Auftritten auf arabischen Veranstaltungen gemachten Erfahrungen, dass ich als Orientalische Tänzerin in der Ausübung meiner Profession und Passion in seinem kulturellem Kontext nicht als Künstlerin anerkannt, sondern eher der „Halbwelt“ zugeordnet wurde, holte mich wieder ein. Reaktion: siehe 1977 Im Frühjahr 1992 eröffnete das CHAMÄLEON in Berlins damals noch wilder Mitte seine Türen und wurde zu der wohl wichtigsten „Keimzelle“ der Renaissance des Varietes in Deutschland. Auf der ehemaligen Probebühne des Fernsehballetts der DDR entstaubte eine Handvoll junger Akrobaten, Jongleure, Trapezartisten, Comedians und Musiker mit Enthusiasmus und anarchistischem Elan ein ganzes Genre. Viele dieser Künstler hatte ich schon im Circus getroffen und so durfte ich von Anfang an an diesem Prozess teilhaben. Wir haben trainiert, inszeniert, uns gegenseitig inspiriert, ganze Nächte hinweg diskutiert – eine großartige Zeit. Es folgten viele feste Gastspiele in anderen, dem Beispiel des CHAMÄLEON folgenden, neu eröffneten Variete – Häusern in Deutschland, Tourneen durch die Schweiz, deren Intention allerdings schon längst wieder in eine kommerziellere Unterhaltungsrichtung ging. 1997 wurde ich nach Frankfurt am Main in den TIGERPALAST eingeladen, um dort sechs Wochen lang auf der Bühne zu stehen. In der Welt der Artisten galt ein Engagement in diesem Haus damals als eine Art „Orden“, und so war ich nicht wenig geschmeichelt. Ich war souverän, wog sorgsam das Verhältnis zwischen Nähe und Distanz zum Publikum ab, tanzte, flirtete augenzwinkernd, wurde bestens bezahlt, trug ein perfekt sitzendes Maßkostüm aus Kairo, öffnete dem Publikum mein Herz - und hatte nicht nur an einem Abend während des Aufgangs durch den Saal zur Bühne eine Hand am Po. Siehe 1977!
Ich hatte bis dato im Lauf meiner Karriere eigentlich alles erreicht, was ich mir zu erreichen erträumt hatte und stand doch wieder am Anfang. Ich war Ende Dreißig, Vollblutkünstlerin, lebte von und für den Tanz und brauchte dringend eine Umorientierung, wenn ich weiter in meiner Profession Erfüllung finden sollte. Nach einem langen kritischen Blick in den Spiegel, ohne die typische „Berufsblindheit“ für die erotisierend - animierenden Attribute meines Erscheinungsbildes war klar: wollte ich mich nicht für den Rest meiner Tanzlaufbahn als fleischgewordene Versuchung präsentieren, musste ich den Genres der Revue, des Cabarets und leider auch des Varietes den Rücken kehren. Keine leichte Entscheidung und tatsächlich dauerte die Abnabelung einige Jahre und verlief nicht ganz schmerzfrei…aber die Suche nach einer theatralischeren Aussage, die mir in Inhalt und Form wieder Raum für die archetypischen Botschaften des Orientalischen Tanzes gab, wurde ein sich lohnendes Abenteuer.

4. Als Ausnahmekünstlerin gelingt es Dir, eine eindringliche Bewegungssprache voller selbstbewusster Erotik darzubringen. In welchen zusätzlichen Tanzrichtungen hast Du Dich weitergebildet? Wie sieht Dein tägliches Trainingsprogramm aus?

Im Rahmen meiner Circus – und Varietearbeit habe ich schon früh mit dem Jazz - und Showtanz experimentiert, um mein noch sehr an dem Repertoire des klassischen Raks Sharki angelehntem Stil den Gegebenheiten der doch oft recht großen ( Bühnen) Räume, für die ich meine Choreographien entwerfen musste, anzupassen und ihn effektvoller, sprich den Sehgewohnheiten des westlichen Showbusiness entsprechend spektakulärer, zu gestalten. Das hierfür notwendige Training war daher im Grossen und Ganzen projektbezogener Natur, ging in der Routine der Auftritte auf.
Wie gesagt, ich musste und wollte nach der Schlüsselerfahrung im TIGERPALAST eine für mich stimmige, und daher authentische Aussage als Tänzerin – und auch als Lehrerin – finden und bekam in den Ansätzen der akademischen Bühnentanzrichtungen eine Antwort. Vieles, was ich dort in den wöchentlich stattfinden Klassen und vielen Workshops über den Umgang mit Tanz, mit der Bühne erfuhr kannte ich zwar bereits aus eigener Erfahrung, bekam aber nun klare Definitionen, Techniken, meine eigenen Gedanken unterstützende Philosophien in die Hand.
Hinzu kam eine intensive Beschäftigung mit dem Improvisationstheater, mit Schauspiel und Yoga – alles zusammen ist auch heute noch für im Schnitt drei tägliche Stunden (nicht gezählt die vielen Tanzanfälle im Flur, im Bad, in der Küche) disziplinäre Herausforderung und Quelle der Freude und Inspiration zugleich.

5. Du bist selbstkritisch, hast an Deine Arbeit als Tänzerin, Choreographin und Dozentin hohe Ansprüche und Du setzt Dich auch kritisch mit der Orientalischen Tanzszene in Deutschland auseinander. Welche Unzulänglichkeiten bewegen Dich am meisten?

Nun, als ich 2000 als Mitglied des OASIS DANSE ENSEMBLE begann, mich im Rahmen von Orientalischen Tanzszene – Events als Tänzerin und Dozentin vorzustellen, war ich von der Entwicklung, die hier während meiner relativen Abwesenheit stattgefunden hatte, wirklich positiv überrascht. Was für eine Vielfalt an Stilkreationen, an technischer Virtuosität, an prunkvoller Kostümierung! Ich freute mich über ein wissendes, aufmerksames Publikum und stieß in den Klassen und Workshops, die ich zu geben begann, auf eine große Neugier und das Bedürfnis, immer mehr zu lernen.
Aber ich traf auch auf große Verunsicherung im Hinblick auf den eigenen Ausdruck, die persönliche Verwirklichung durch den Tanz, die Verbindung von Körper und Seele. Die tanztechnische Entwicklung, die Analyse traditioneller Bewegungsabläufe oder das Schaffen neuer Verbindungen mit anderen Tanzformen war zwar in den letzten 15 Jahren rasant vorangeschritten - die emotionale Durchlässigkeit, der Tanzausdruck blieb dabei aber leider oft auf der Strecke. Außerdem drehte sich bereits sich eine Wettbewerbsspirale, deren Geschwindigkeit bis heute zunimmt und in deren Strudel das dem Orient. Tanz zugrunde liegende Geschenk des Feierns unterzugehen droht. Vom einfachen Hüfttuch bis hin zum bühnenreifen Kostüm aus Ägypten oder der Türkei oder den USA, Musik in tausendfachen Variationen, Lehr – Videos, Schrittkombinationen, Auftritts – Choreographien, alles steht heute zur freien Verfügung. Auf den ersten Blick kundenfreundlich und für die erstaunliche Popularität des Orient. Tanzes im Westen sprechend, auf den zweiten leider auch ein Ausverkauf und Verlust von Werten wie Individualität, Kreativität und dem achtungsvollem Umgang mit der KUNSTform Orientalischer Tanz.

Auch allgemeiner Zeitgeist? Aber als – zeitgenössische – Künstlerinnen muss ja nicht immer mit dem Strom geschwommen werden!
In laufenden Kursen und Workshops einer Entwicklung, dem Genuss am Tanz an sich, dem Vertiefen und Erfühlen der Technik, dem Finden eines realen, unverkitschten Zugangs zu der Orientalischen Kultur Raum und Zeit zu geben, könnte ein Gegenmittel sein. Einfühlsam angeleitet, könnte das Initiieren unterrichtsinterner kreativer Prozesse gerade für Laien eine stärkere Motivation und Befriedigung bieten als z. b. das oberflächliche Auswendiglernen immer neuer, immer sensationeller angelegter, vorgefertigter Choreographien – und ambitionierten TänzerInnen helfen, eine authentische Tanzpersönlichkeit zu entwickeln.
Das Bewusstsein über die Verantwortung, die gerade ein Trainer für die Gesundheit, für das Erlernen einer durchdachten, wiederholbaren Technik in Verbindung mit einer emotionalen und eventuellen späteren darstellerischen Entwicklung der Schüler - und damit auch für die Reputation des Orient. Tanzes in der Öffentlichkeit - übernimmt wächst aber ständig und viele KollegInnen reflektieren ihre Arbeit dahingehend sehr genau.
Dass Können zwar eine wichtige Vorraussetzung für die Arbeit auf der Bühne oder im Unterrichtssaal ist, dass sich der Begriff „Kunst“ aber von „ Künden“ ableitet, dass sich Professionalität nicht nur in einer perfekten äußeren Hülle, in marktwirtschaftlichem Geschick oder im Schnüren oder Erwerben fertiger „Kauf mich dann hast Du Erfolg auf der nächsten Party“ - Pakete erschöpft, haben viele verstanden und handeln danach. Alles wird gut!

6. Du kennst das Leben als vollprofessionelle Künstlerin schon seit Jahrzehnten. Du bist Mutter eines erwachsenen Sohnes Linus und einer achtjährigen Tochter Aneska. Was würdest Du ihnen raten, wenn sie eines Tages den Tanz zu ihrem Beruf machen wollten?

Ich würde sie als erstes einen Spruch von Karl Valentin einhundertmal in ihrer besten Handschrift aufschreiben lassen: „ Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“

Sollten sie danach trotzdem noch z. b. eine Laufbahn als professionelle/ professioneller TänzerIn mit Engagements auf öffentlichen Bühnen, in Tanzkompanien, am Theater, in Operhäusern, im Musical etc. anstreben, würde in diesem Fall kein Weg an einer Vollzeitausbildung an einer staatlich anerkannten (und Bafög – berechtigten!) Institution vorbeiführen. Hätten sie eine passende Schule gefunden und hätten sie dann Hürde der Aufnahmeprüfung genommen, würde ich ihnen wünschen, dass sie auf aufgeschlossene, kompetente und empathische Lehrer treffen, die ihnen neben einem soliden technischem „Marschgepäck“ in allen akademischen Tanzformen Selbst – und Verantwortungsbewusstsein, Freude an einer konsequenten und disziplinierten Arbeit und Vertrauen in die eigene Kreativität mit auf die Reise geben – die nicht mit dem Abschluss der Ausbildung endet, sondern beginnt.

Lautete der Berufswunsch nach dem Erwachen einer Begeisterung für die Orient. Tanzwelt in allen ihren vielfältigen Erscheinungsformen „TänzerIn, ChoreographIn, DozentIn für Orientalischen Tanz“, würde ich ihnen ebenfalls zu dem oben genannten Weg raten! Der meine war lang und hat mich über viele Stationen zu der Erkenntnis gebracht, dass die im Westen entstandenen, akademischen Tanzformen der Orient. Tanztradition nicht entgegenwirken, sondern im Gegenteil viel zu ihrer Erklärung und Konkretisierung beitragen können. Begleitend hieße es natürlich, sich eingehend mit der Orientalischen Kultur und Tanztradition in ihrer ursprünglichen Form auseinanderzusetzen, hier ebenfalls fortwährend weiter von erfahrenen Lehrern möglichst intensiven Unterricht zu nehmen. Als Ergebnis könnte nicht nur mittels der Zusammenfügung der westlichen und orientalischen Tanzvokabeln eine gleichzeitig allgemein gültige und individuelle Bewegungssprache entstehen. Wird diese mit einer echten Aussage verbunden, könnte so tatsächlich eine Symbiose zwischen Orient und Okzident geschaffen werden – und der Nachweis über eine Ausbildung an einer namhaften Schule könnte ihnen Türen öffnen, die dem Orient. Tanz bisher hartnäckig verschlossen geblieben sind.

Im folgendem möchte ich die Metapher „ Mutter berät ihre Kinder“ ( es fällt mir eh schwer, mir meinen zwar sportlichen, aber nun wirklich untänzerischen Sohn im Ballettsaal vorzustellen) verlassen und mich an die Unterrichtenden und/oder Auftretenden in unserer Szene zuwenden, die keine Möglichkeit zu einer Vollzeitausbildung haben oder ganz einfach den Tanz nicht als Hauptberuf ausüben können oder möchten: In punkto „Orient. Tanz“ siehe oben. In punkto „Bühnentanz“: überall in Deutschland, zumindest in den größeren , werden offene Klassen und Workshops in Modern Dance, Tanztheater, Choreographie, Ballett, Jazz etc. angeboten. Auch so kann ein Einblick in die (und das ist wichtig!) Quelle dieser Ansätze ermöglicht werden, der die bisherige persönliche Arbeit ergänzt, bereichert und den Horizont auch durch den Akt der Suche und dem Spaß am Forschen erweitert. Langsamkeit ist keine moderne Tugend und Effektivität wird ganz groß geschrieben, auch in der Orientalischen Tanzszene. Der Konkurrenzdruck unseres leider in sich ziemlich geschlossenen Marktes scheint zu verlangen, dass immer mehr Wissen in immer kürzerer Zeit zu erwerben sei – und so schießen auch die Angebote privater Fortbildungen, die eine Aufwertung des ( Szene - internen ) Marktwertes durch eine ( leider eben auch privat erteilte) Zertifizierung versprechen, aus dem Boden. Tatsächlich können diese Kompakt – Angebote durch die Vermittlung von gut recherchierten und gebündelten Inhalten im Einzelfall durchaus von echtem Nutzen sein. Generell rate ich aber zu einer eingehenden Prüfung, eh man sich bindet… und zu kritischer Wachsamkeit, was die Zielsetzungen und Arbeitsweisen der Anbieter betrifft. „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“, hätte meine Oma gesagt.

7. „Raksan tanzt! 46 Minuten“, so der Titel Deiner ersten Solo – Produktion. Wieder einmal mehr hast Du mit einer ungewöhnlichen Leistung auf Dich aufmerksam machen können. Was würdest Du als Deine bisher größten künstlerischen Highlights bezeichnen?

Eine Freundin kam letzte Woche aus Basel zurück, wo sie über acht lange Wochen hinweg an einem großen Theater der Stadt das Kostümbild für eine Neuauflage des Musical „Hair“ entworfen und die Produktion begleitete. Sie hat über ein Jahr darauf hingearbeitet und auf der erfolgreichen Premiere des Stückes viel Lob und Anerkennung bekommen - kaum war sie in Berlin, hatte sie nur noch Augen, Hände und Zeichenstift für die Ausstattung eines sich in der Probe befindenden Kreuzberger Off - Tanztheaters. Basel? War gestern.
„Das ist wohl das Drama des Künstlers“, sagt sie dazu.
Natürlich gibt es wunderbare Momente, in denen alles zu stimmen scheint. Ort, Idee, Publikum, Kollegen…der pure Rausch. Momente, in denen ich ganz „bei mir“ war. Das sind die Pralinenschachteln!! Meist sind es aber die kleinen Erfolge, die überwundenen Schwierigkeiten im eigenen Training, vielleicht sogar unpopuläre und damit erst einmal finanziellen Verlust mit sich bringende Entscheidungen, die mit Lob bedachten mutigen Schritte oder auch die Pleiten und Pannen und die daraus gezogenen Lehren die mich motivieren, immer weiter zu machen, auf dem Weg zu bleiben. Mein Solo – Stück „ Raksan tanzt! 46 Minuten“ ist seit der Uraufführung in England im März 07 mit viel Beachtung gesegnet worden und ich bin aus verschiedensten Gründen sehr stolz darauf. Aber auch hier ist der Entwicklungsprozess das eigentliche „Highlight“, obwohl ich als Künstlerin selbstverständlich jeden einzelnen Klatscher des Applauses genieße. Ich wohne zwar schon seit 1995 nicht mehr in meinem alten Mercedes – LKW, der es auch mit gutem Zureden, bergab und mit Rückenwind nur auf höchstens 90 Km/h brachte. Aber noch immer ist das „Unterwegs – Sein“ mein eigentliches Ziel. Als Darstellerin und - als Lehrerin. Denn auch Unterrichten ist eine Kunst. Deren Ausübung ich sehr genieße!

 

Interview „Raksan: zurueck in die Realitaet“ erschienen in der 100. Jubilaeumsausgabe der TANZOriental 2009

1.Auf der WoO hast Du Deine Solo – Performance Raksan tanzt! 46 Minuten“ präsentiert. Helena Lehmann hat „45 Minuten“ angekündigt aber die 46 hat eine bestimmte Bedeutung.

Nach meinem ersten Gastspiel im Rahmen des MAJMA Dance Festival in Glastonbury / UK im Frühjahr 2006 hatte mich die damalige künstlerische Leiterin Wendy Buonaventura noch einmal für das Jahr 2007 eingeladen – und mir zusätzlich die gesamte zweite Hälfte der Abendshow angeboten.

„Could you imagine to dance 45 minutes“: ich habe diese Frage spontan und ziemlich wagemutig mit „ja“ beantwortet, obwohl mir sehr bewusst war, dass ich mich vermutlich auf eine veritable „Feuerprobe“ einlasse. Eine Performance von einer ¾ Stunde ist ja nicht nur eine emotionale, darstellerische, dramaturgische, choreographische und tanztechnische Herausforderung; so lange die Spannung zu halten, zu tanzen ist auch eine ziemliche Ansage an die Kondition! Und da war er, der Zweifel.War es nicht zu spät dafür – war ich, mit Mitte 40, nach 2 Kindern, nach 20 Wander – Bühnen -Tänzerinnenjahren und leicht ergraut, für so einen ehrgeizigen Plan nicht doch zu alt?

Um Raum für eine echte Bestandsaufnahme, für Zuversicht, Kreativität und damit für die Hoffnung auf eine künstlerische Weiterentwicklung zu schaffen, musste ich diese Litanei aus meinem Kopf vertreiben – was nicht leicht war. Aber mit diesem Ringen mit mir selbst kam auch die Idee, dass mein Alter in gewisser Weise das Thema des Stückes sein könnte. Ich bin bei diesem Arbeitstitel geblieben und von da an war es geradezu einfach, eine stimmige Aussage zu finden.Die Choreographien entwickelten sich aus ganz neuem und aus bereits vorhandenem Material und fügten sich organisch zu einer getanzten Biographie zusammen. Kondition? Trainingsdisziplin! Nicht mehr jung sein? Kein Stilmittel, ist einfach so! Mein erster Soloabend ist den Menschen gewidmet, denen ich begegnen und von denen ich lernen durfte und lehnt sich an die Stationen meines privaten und künstlerischen Werdegangs und die tänzerischen und spirituellen Visionen, die mir etwas bedeutet haben und es noch tun, an. Aber hauptsächlich ist er für mich ein Dank für jedes Jahr, dass ich zum Zeitpunkt der Premiere von „Raksan tanzt! 46 Minuten“ auf dem Buckel hatte.Genau 46 Minuten Tanz für 46 Jahre Leben.

Ich habe dieses Stück seit der Uraufführung 2007 bis zu meinem Gastspiel auf der WoO 2009, die ich mit ihm eröffnen durfte, insgesamt 9-mal in England, in Deutschland, in Spanien und in der Schweiz gezeigt und hoffe auf weitere Gelegenheiten, „Raksan tanzt! 46 Minuten“ auf die Bühne zu bringen und so entwickeln, intensivieren zu können – und auch ein zweites zeitgenössisch – orientalisches Solo ist bereits in Vorbereitung. Wie heißt es so schön nach einer gelungenen Aufführung?

„Zugabe“!!!

(An dieser Stelle und in diesem Sinne einen herzlichen Glückwunsch zur Nr. 100 der TANZOriental, liebe Roswitha!!)

2. Du hast mir mal erzählt, dass Du wegen Deines Alters im Circus bzw. Variete nicht mehr gefragt bist. Andere Artisten haben dieses Problem offenbar nicht, uralte Clowns werden beispielsweise gerne gesehen. Gibt es ein „Verfallsdatum“ für Tänzerinnen und welche Altersgrenze vermutest Du?

Der berühmte Charly Rivel, die französischen Gebrüder Fratellini, der russische Popow, der aus einer portugiesischen Artisten – Dynastie stammende Angelo Munoz oder der Schweizer National - Clown Dimitri waren und sind die Verkörperung des Archetypus des weisen Narren und überaus populär Sie rühren uns gerade wegen ihrer faltenreichen Mimik, ihrer Gebrechlichkeit, ihres Zynismus oder ihrer abgeklärten Melancholie an, währen wir in den uns von ihnen vorgehaltenen Spiegel sehen. Die „komische Alte“ gibt es zwar auch, aber wesentlich seltener: Clownerie ist in der patriarchalisch strukturierten Welt der Manege eher eine Domäne der Männer. Ein Mann darf ohne Imageverlust Mut zur sozialen Unangepasstheit, Schrägheit und auch Hässlichkeit (das sind wohl die meist gewählten Stilmittel für das komische Fach) haben – Frauen dagegen nehmen meist den Platz der „Schönen“ ein. Dass ein Artist, der aus körperlichen Gründen nicht mehr in der Circuskuppel hängen kann, Clown oder Komiker wird und so weiter in der Öffentlichkeit arbeiten kann und Geld verdient, ist also gang und gäbe – einer Artistin gelingt so ein Genrewechsel, wenn überhaupt angestrebt, nicht oft. Frauen verschwinden meist in den Garderoben, ins Gastro – Zelt, an den Wohnwagenherd, ins Managment, verlassen also den öffentlich – künstlerischen Raum. Das Variete ist zwar viel aufgeschlossener als der Traditionscircus, aber unter dem Schnitt verhält es sich dort nicht anders. Ich mache an dieser Stelle lieber Schluss, denn ansonsten würde ich ein Buch zu schreiben beginnen!

Als ich 1985 mit 25 Jahren zu tanzen begann, war meine Lehrerin Feyrouz! um die 40 und ich habe ihre frauliche Reife als Performerin und Lehrerin sehr bewundert. Die kleinen Fältchen um den Mund und die Augen, die runden Hüften…bezaubernd. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass sie in den Augen anderer zu alt für ihre Kunst sein könnte. Absurd. Und als ich eine Flamenco – Show in Berlin besuchte, an deren Ende die offensichtlich betagte Leiterin des Ensembles alles bis dahin Gesehene mit ihrer Präsenz in den Schatten stellte, war ich überzeugt davon, dass meine persönlichen Vorbilder gestandene Frauen sind. Suheir Saki, Nagua Fuad, Mona Said waren damals die Stars des Orient. Tanzes in Ägypten, Nesrin Topkapi die Grand Dame der Türkei; Tänzerinnen weit jenseits der Mitte 40, die eine große Persönlichkeit auf der Bühne entwickelten, ihre Seele an das Publikum verströmten, deren Auftritte im wahrsten Sinne des Wortes etwas „kultiges“ an sich hatten und durch diese Intensität den Erfolg ihrer Jugendzeit in das Älterwerden übertrugen. Mütter des Tanzes, Bewahrerinnen oder Erneuerinnen der Traditionen, weise Frauen! Trotz Geschäftstüchtigkeit und Glitzerkostüm, Panzer – BH sehr archaisch und berührend. Das ältere, ja regelrecht greise Frauen ( und Männer!) sich im Rahmen von z.b. Familienfesten zur großen Freude ihrer Lieben durch Tanz ausdrücken, ist in Ländern des Nahen Osten völlig normal – das Alter wird geachtet und kann daher sogar in solchen besonderen Fällen die Tanzflächen der Nachtclub – Welt Kairos erreichen…

Das Bild, das das breite Publikum im Westen vom Orientalischen Tanz hat, ist immer noch nicht von der realen Kulturlandschaft des Nahen Ostens oder der Türkei, sondern fast ausschließlich von Orientalismus – Fantasien geprägt. Die „Bauchtänzerin“ ist Fleisch gewordene Versuchung, eine üppige Femme Fatale, eine halbnackte Odaliske, eine Märchenfigur aus „1001 Nacht“. Verbindet sich dieses Wunderweib mit den im westlichen (und leider zunehmend auch im orientalischen) Gala – Event - Show – Revue - und Popbusiness geltenden und sehr Jugend - orientierten Schönheitsnormen, tickt die Uhr. Erfahrung, Können, wirkliche Entertainer – Qualitäten und geschickte Kostümwahl können den Zeitpunkt, an dem die Genre – immanente Zeitgrenze greift, zwar auch hierzulande etwas hinausschieben, aber nicht außer Kraft setzen. Wenn die gefühlte und gut beleuchtete „ 35“ definitiv überschritten ist, wird es sehr viel schwerer, Engagements zu bekommen.

In meinem Falle war es eher ein beidseitiger, wenn auch zugegebenermaßen streckenweise schmerzhafter, Ablöseprozess denn ein konkreter „Rausschmiss“. Ich war viele Jahre im Variete und Circus als Künstlerin und Kollegin anerkannt und geachtet, da ich beharrlich um die Vermittlung einer kraftvollen Femininität bemüht war – trotzdem ist es mir nicht dauerhaft gelungen, dem zwar insgeheim belächelten aber dennoch hartnäckig eingefordertem kitschig - erotischen „Bauchtanz“ – Bild und der gewissen künstlerischen Oberflächlichkeit der Unterhaltungsbranche zu entkommen. Je renommierter das Haus, je höher die Gage, desto kommerzieller, vom Veranstalter vermuteten Publikumsgeschmack abhängiger und damit eingeschränkter wurden die Programme. Die kreative und Genre - erneuernde Anarchie des Varietes der frühen 90èr war 1999 bereits wieder etablierter Konformität gewichen und ich fing an, mich von Gastspiel zu Gastspiel (und hier handelte es sich um meist mehrwöchige Engagements) nicht nur auf der Bühne im Kreis zu drehen. Nebel, Schleierentree, Glitzerkugel, virtuoses Trommelsolo, Tata! Ich war innerlich längst auf der Suche nach einer Form des Orientalischen Tanzes, mit der ich mich komplexer, authentischer ausdrücken und vor allem einer zeitgenössischen und spirituellen Aussage näher kommen konnte. Außerdem hatte ich mit Ende 30 einfach keine Lust mehr, jeden Abend mit immer neuen und immer jünger werdenden weiblichen (und irgendwie plötzlich meist aus Russland stammenden) Akrobatinnen und immer mit denselben und immer grauhaariger werdenden männlichen Illusionisten, Jongleuren, Moderatoren, Comedians im Finale zu stehen! Und mit zunehmender Besorgnis beim Verbeugen meine leise lächelnden Knie zu betrachten. Ich glaube, wenn mich die Welt der Artisten weiter künstlerisch gefesselt hätte, hätte ich sicher konsequenter Weise ein Lifting nicht ausgeschlossen – aber als meine Kostümbildnerin meine BH – Träger einfach nicht mehr fester schnallen wollte und „ein Chirurg oder ich“ drohte,, habe ich mich dazu entschlossen, mich nicht mehr wirklich um weitere Gastspiele zu bemühen, mit 40 noch ein Kind zu bekommen und parallel mit einem mir wieder näheren Entwurf als Tänzerin „schwanger“ zu gehen. Dieser neue Weg führte 1998 zu der sehr inspirierenden Zusammenarbeit mit dem OASIS Danse Ensemble für einige Jahre, diese zu einem „Rück –Einstieg“ in die Orientalische Tanzszene, zum Modernen Tanz, an die Ballettstange und zu einer Stilistik, die sich eher an einer zeitgenössisch/ ernsthaften Variante als an die des glamourösen Cabaret – Tanzes anlehnt. Jetzt bin ich kurz vor 50 und tanze mehr, intensiver, vielfältiger und neugieriger als je zuvor. Die Suche nach „meinem“ Tanz lässt mich weiterhin viel trainieren und in alle mögliche Richtungen forschen, die Verantwortung, die ich jetzt als Tanzlehrerin habe, zwingt mich mit sanfter Hand dazu immer weiter zu lernen. So sehr ich meine Showbusiness – Bühnen geliebt und ernst genommen habe, wäre ich dort geblieben, wäre ich vielleicht so „versteinert“ wie meine dann vermutlich mit Botox behandelte Stirn und damit in ernsthafte Gefahr geraten, zu einer Karikatur meines früheren Selbst zu werden.

Das Lächeln meiner Knie ist inzwischen ein breites Grinsen, aber unter Hosen ist das vollkommen egal! Wichtiger als zum Beispiel die Haut meiner Beine ist nun das Zusammenspiel von Muskeln und Gelenken und die Frage, wie ich dieses „Finetuning“ zum 1. Erhalt und 2. Erweitern meiner tänzerischen Fähigkeiten, die ja mein Ausdrucksmittel sind, verbessern kann. Und was ich da am eigenen Körper erfahre, gebe ich im Tanzsaal an andere weiter.

3. Als Tanzlehrerin kann man auch im fortgeschrittenen Alter reüssieren: ich erinnere mich immer wieder gerne und respektvoll an Madame Nelly Masloum, die in Jahrzehnten als Tänzerin und später Lehrerin aus ihrem reichen Erfahrungsschatz schöpfen konnte und den Schülerinnen sehr viel zu geben hatte.Hast Du ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder ist im Unterricht auch eher die knackige Schöne gefragt?

Ich habe Madame Nelly Masloum nicht mehr persönlich kennen gelernt, stelle sie mir aber als eine Frau vor, die ihr Leben dem Tanz gewidmet hatte…eine lebenslange Leidenschaft! Für jede Tänzerin, jeden Tänzer kommt irgendwann der Punkt, an dem die aktive Laufbahn ihr Ende nimmt. Je nach Genre und Tanzstil, nach indiv. Geschichte und körperlicher Verfassung früher oder später…wenn man sich mit Leib und Seele dem Tanz verschrieben hat, ist das Weitergeben der gemachten Erfahrungen eine wunderbare Chance, der Kunst der Bewegung weiterhin verbunden zu bleiben.

Allerdings macht Alter und ein großer Erfahrungsschatz nicht per se eine gute Lehrerin, einen guten Lehrer aus, das wäre zu einfach…auch hier ist der Wunsch nach steter Weiterentwicklung, die Fähigkeit zur Selbstkritik, der Mut zur Eigenreflexion und mit zur Anzahl der Zipperlein proportional ansteigende Anforderung an die Disziplin unabdingbar! Und natürlich der Wille, wirklich zu geben, andere in ihrer Entwicklung zu fördern. Ich habe während der 15,17 Jahre, in denen mich meine Gastspiele und Galas ernährten, nur sehr sporadisch unterrichtet. Zum einen, weil die Zeit und Kontinuität fehlte, zum anderen, weil ich nicht wirklich geben mochte. Meine Ideen, meine Inspiration flossen in meine Bühnenarbeit ein, der direkte Lohn war der Applaus des Publikums und Folgeengagements. Dass ist nun ganz anders…ich bin noch immer darstellende Künstlerin und darf hoffentlich auch weiterhin Bühnenluft atmen; aber ich bin nun auch eine begeisterte Lehrerin. Und da ich mir bislang nichts Schöneres vorstellen kann, als von und für den Tanz zu leben, versuche ich dieser Rolle genauso konsequent gerecht zu werden wie der als Performerin. In der Zukunft meiner Schüler und der meiner mich vertrauensvoll in ihren Wirkungskreis einladenden Kolleginnen liegt auch die meine!

Wie schon erwähnt, liegt ein Dilemma des Orientalischen Tanzes die Brille zu Grunde, durch die er im Westen gesehen wird: Fantasie. Wer als professionelle Orientalische „Bauch“ Tänzerin im glamourösen, bauchfreien Revue - Kostüm vor ein Publikum schwebt, soll die Zuschauer in eben diese Traumwelt entführen, Illusionen erzeugen – und wird dafür mit Geld bezahlt. Ein Traum wird verkauft. Völlig o.k. und in der heutigen darstellenden Unterhaltungsbranche als Act fest etabliert.

Ein Missverständnis war aber die von Anfang an stattfindende Vermischung von Showbusiness und Unterricht. Wer in Amerika oder Europa auftrat, gab natürlich auch parallel und oft von jetzt auf gleich Kurse und Workshops, komplett in den eigenen Anfängen und damit leider auch oft recht unreflektiert im Hinblick auf eine Wirkung. Lehrer und Lehrerinnen warben damit, ihre Schülerinnen vom Alltag zu befreien, luden zum Träumen ein, inszenierten das Tanztraining in einem Ambiente, das einem haremsgleichen Bühnenbild gleichkam. Breitensport, Freizeitspaß, keine große Verantwortung einer Darstellungsform oder einer anderen Kultur gegenüber, sondern eben, immer wieder, eine Traumwelt. Und die TrainingsleiterInnen drehten ihren Schülerinnen vor der Spiegelwand den Rücken zu, tanzten, möglichst spektakulär, vor – und alle mehr oder weniger gekonnt nach. Vieles davon ist heute immer noch so… vieles hat sich aber auch inzwischen verändert, grundlegend verbessert, entwickelt, ist analysiert, strukturiert und professionalisiert worden. Kommerziell ist die Orient. Tanzlandschaft aber immer noch, Tendenz zunehmend, und noch immer wird hartnäckig geglaubt, dass eine gute Tänzerin, ein guter Tänzer auch gleichzeitig eine gute Lehrerin, ein guter Lehrer oder gar Choreograph, Coach oder was auch immer sei. Unsere Zeit ist sehr schnell geworden, Marketing ist das Mantra der dynamisch Jungen, Erfolgreichen, auch in unserer Szene – versprochen wird immer ein lineares - schnelles, effektives Erreichen eines angepriesenen Zieles. Momentan sind die populärsten TänzerInnen regelrechte Popstars der intern. Bauchtanzlandschaft…und fast ausnahmslos ziemlich jung. Hoch trainiert. Schön. Exotische, verführerische Wesen, die Erreichbarkeit vorgaukeln, in dem sie neue „Moves“ und „Styles“, „ Drills“ und knallige Choreographien versprechen und diese in Workshops mit möglichst vielen Teilnehmern in möglichst kurzer Zeit einüben. Am besten in schicken T – Shirts mit Werbe – Aufdruck. Ich möchte diese KollegInnen nicht im mindesten diskreditieren, sind sie doch neben ihrer äußeren Attraktivität meist auch tänzerisch sehr professionell und bestimmt auch ehrlich um ihre Schüler und die Kunst bemüht, aber diese Entwicklung zum „pimp up your belly dance“ ist eine Sackgasse, fürchte ich.

Erstens muss in diesem Unterrichtsansatz die Dozentin, der Dozent immer vortanzen, ist immer aktiv beteiligt, muss sich so ständig körperlich beweisen. Eine äußere Form, die ohne Zweifel einem Verfallsdatum ausgesetzt ist. Zweitens bleiben die SchülerInnen so in der Rolle der Konsumenten und damit in der Kopie stecken. Die Chance zu bekommen, wirklich etwas zu lernen oder Eigenständiges zu kreieren, ist damit im Grunde vertan. Ausnahmen bestätigen hier wieder die Regel, aber das Heer der sicherlich hoch motivierten aber oft im Grunde ewig – hungrig gehaltenen Laien geht mit einem Gefühl des „ ich hatte viel Spaß“ und einer erbeuteten CD – Kopie und einer Videokassette nach hause. Ein Hochgefühl des Konsums, dessen Halbwertzeit auch schnell erreicht ist. Freizeitindustrie - Strukturen, Popbusiness. Gut fürs Geschäft und zum „Reinriechen“ in eine Thematik, aber für eine wirkliche, dauerhafte Wirkung eben nicht geeignet. Um diese zu erzielen, braucht es einen erlebten und damit gerade auch für Laien kreativen Prozess. Nur wirkliche (Selbst) erfahrung bringt einen Nutzen – und den Genuss und die Freude durch und an einer Bewegung, die bewegt. Für den Unterrichtsaufbau hieße dies, sich als TrainerIn aus dem Geschehen immer wieder zurück zu ziehen, höchst aufmerksam von außen zu beobachten, anzuleiten, zu motivieren, zu korrigieren und zu einem achtsamen Umgang mit sich, anderen und der Kultur, derer wir uns im Orient. Tanz bedienen, zu führen. In einer dementsprechend konzipierten Klasse, in einem für eine begrenzte Teilnehmerzahl ausgeschriebenen Workshop, während eines für einen längeren Zeitraum geplantes Projekt könnte jede TeilnehmerInn nach ihren Fähigkeiten tanzen und sich entfalten; je nach angestrebtem technischem und künstlerischen Niveau ( und dieses vielleicht konsequent benannt) durchaus ehrgeizig doch ohne Konkurrenzgefühle und künstlichem Wettbewerb nebeneinander, von einander und miteinander lernen. In so einer Atmosphäre wird es möglich, die „Traumwelt Orientalischer Tanz“ in eine nicht minder aufregende Realität zurück zu holen – und auch Kritik wäre endlich ein akzeptierter und normaler Teil des Geschehens. Ob die Trainerin, der Trainer jung oder alt ist, spielt dabei keine Rolle, wenn sie oder er ihre zugegebener Massen anspruchsvolle Aufgabe bewusst, verantwortungsvoll und souverän meistern. Aber auf diese Weise darf, wie Eingangs beschrieben, eben auch ein nicht mehr aktiver Tänzer, eine sich von der Bühne zurück gezogene Tänzerin dem Tanz verbunden bleiben, zu einer Quelle und wert – geschätzt werden und somit auch in finanzieller Hinsicht die Früchte der Erfahrung ernten, den sie oder er in langen Tänzerjahren ( oder Lehrer – Jahren, denn es gibt sie auch, die inspirierenden Persönlichkeiten ohne große Auftrittserfahrung!) gesät haben. Muss nicht mehr „scheinen“, sondern „sein“. Ich gehöre zu denen, die diesem Ansatz die Tür öffnen möchten. Nicht alle werden durch diese Tür gehen wollen oder können, aber es ist das Angebot eines Gegenentwurfs, meine persönliche Vision.

Zurück zu den Wurzeln, in die Realität, hin zur Kunstform „Orientalischer Tanz“, die ernst genommen wird. Und dann das bewirken kann, was für mich ihre Seele ist: Freude, Sinnlichkeit, Körperbewusstsein, echte Emotionalität.

Impressum

Alle Inhalte, Texte und Bilder dieser Website sind geschützt und geistiges Eigentum von Raksan. Eine nicht mit der Künstlerin abgesprochene Übernahme der Inhalte und Texte, auch in Auszügen, sowie eine nicht genehmigte Benutzung der Photographien ist nicht gestattet.

Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernimmt die die Betreiberin dieser Seiten keine Haftung für die Inhalte externer Links. Für den Inhalt der verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich. Die Betreiberin dieser Seiten distanziert sich hiermit ausdrücklich von den Inhalten der auf diesen Seiten verlinkten externen Internetauftritte.


Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!   BILDER & KOSTÜMBILD | Administration